AUGEN ARZT PRAXIS

Dr. med. Wilhelm Dyck

Computer Vision Syndrom (CVS) – Modebezeichnung für eine Benetzungsstörung oder eigenständiges Krankheitsbild

Bei der CVS handelt es sich um Patienten, die bei längerer Arbeit am Bildschirm ein stechendes Gefühl an den Augen, Müdigkeit der Augen, eine Blendempfindlichkeit, schlechteres Sehen oder sogar Augenschmerzen beklagen.


Davon abzugrenzen sind Patienten im mittleren Lebensalter, ab 40 Jahren, die zunächst beim Lesen das Buch zunehmend weiter vom Auge weg halten müssen um scharf zu sehen und jetzt auch vom Bildschirm etwas zurückgehen müssen um es schärfer zu sehen. Dann sind die Zeichen auf dem Bildschirm zwar nicht mehr so verschwommen jedoch zu klein zum Lesen. Dies beschreibt eine Presbyopie, eine Altersweitsichtigkeit. Wir erklären dieses Phänomen an anderer Stelle. Mit dem CVS hat das nichts zu tun.

Presbyopie

Die Hintergründe

 

Das Klare in unseren Augen über der Regelbogenhaut und der Pupille ist die Hornhaut. Diese besteht aus mehreren Schichten. Die oberste Schicht ist das Epithel. Dieses wird permanent regeneriert und bedeckt die Nervenendigungen, die in der Hornhaut liegen. Wird das Hornhautepithel zu dünn, so liegen die Nervenendigungen unbedeckt. Da es sich hierbei um Sinneszellen handelt, verspüren wir ein Fremdkörpergefühl, werden Blendempfindlich oder haben sogar Schmerzen. Die Regeneration des Epithels läuft maßgeblich in Ruhephasen ab, also im Schlaf. Damit diese Hornhautschicht am Tage durch Austrocknung nicht ausdünnt, wird das Auge durchgehend mit Tränenflüssigkeit versorgt, die beim Lidschlag über der Hornhautoberfläche verteilt wird. Die gesunde Tränenflüssigkeit ist dabei so beschaffen, dass der Tränenfilm auch ohne erneutes Blinzeln für mindestens 15 Sekunden geschlossen bleibt.

 

Unsere Hornhaut besitzt keine Blutgefäße und wird daher allein durch die umgebende Luft mit Sauerstoff versorgt. Daher führt ein Sauerstoffabfall, wie bei unzureichender Raumlüftung, auf Dauer ebenfalls zu Epithelausdünnung und damit zu beschriebenen Beschwerden. In diesem Zusammenhang sind auch Kontaktlinsen zu erwähnen. Auch wenn die Hersteller mit luftdurchlässigen Materialien der Kontaktlinsen werben: es ist dennoch eine Abdeckung! Eine jede Kontaktlinse reduziert die Sauerstoffversorgung der Hornhautoberfläche, dünnt damit das Epithel aus und kann damit zu den beschriebenen Problemen führen.

 

UV-Licht führt mit einer Verzögerung von etwa 12 Stunden nach Exposition zu Beschwerden durch freiliegende Nervenzellen bei Ausdünnung des Hornhautepithels. Dies kann unter anderem nach Blick in die Schweißflamme, Blick in die Sonnenspiegelung auf Wasseroberflächen wie Pools oder auch bei Verwendung von UV-Lampen bei der Fingernagelpflege auftreten. Die Patienten haben teils starke Schmerzen. Der Befund ist in der Regel vollständig reversibel. Bildschirme sondern allerdings keine UV-Strahlung ab.

 

Bei Bildschirmen wird das Licht mit LED-Dioden erzeugt. Diese haben einen Blaulichtanteil. Dem Blaulicht wurde früher ein Einfluss auf die Melatoninausschütung und damit auf den Schlaf-Wach-Rhythmus zugesprochen.  Des Weiteren nahm man frührt an, dass Blauchlicht in hoher Dosierung auf der Netzhaut Sauerstoffradikale freisetzen und Sinneszellen irreversibel beschädigen würde. Das sieht die DOG (Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft), die in Deutschland gemeinsam mit der BVA (Berufsverband Deutscher Augenärzte) Richt- und Leitlinien für die Augenheilkunde ausgibt, unter Bezug auf verschiedene Studien nicht so. Blaulicht verursacht an den Augen den Studien zufolge keine Ermüdung bei Bildschirmarbeit, erhöht nicht das Risiko für eine Makuladegeneration und hat eher keinen Einfluss auf unsere Schlafqualität. Damit hat auch Blaulicht eher keinen Einfluss auf das CVS.

 

Symptomursachen bei Bildschirmarbeit

 

Wenn wir uns konzentriert etwas anschauen, wie z.B. den Text beim Lesen eines Buches, blinzeln wir immer weniger und reduzieren unbemerkt die Benetzung der Hornhautoberfläche. Je jünger und vitaler das Auge, desto länger dauert es. Irgendwann bemerkt aber auch ein junges Auge eine gewisse Müdigkeit. Dann wird das Buch beiseitegelegt und die Augen kurz instinktiv geschlossen. Vielleicht holt man sich bei der Gelegenheit auch einen Schluck Wasser oder Ähnliches. Beim Computer ist es nicht anders. Vielleicht ist hier der Animationsfaktor, an so einem Punkt trotzdem weiter zu machen, gegenüber einem Buch größer: Alles ist bunter, heller und schneller. Hinzu kommt, dass ein Computer meist in einem geschlossenen Raum mit Heizung und Klimaanlage steht. So ist die Benetzung schlecht, die Flüssigkeitszufuhr unzureichend, die Sauerstoffversorgung reduziert und die Luftfeuchtigkeit mangelhaft. Das alles führt auf Dauer zu dünnerem Hornhautepithel mit freiliegenden Nervenendigungen und damit zu beschriebenen Beschwerden. Das Problem ist am Ende also nicht der Bildschirm an sich, sondern die Rahmenbedingungen.

 

Lösungsansätze

 

Wenn Sie einen Bildschirmarbeitsplatz haben, sorgen Sie für guten und ausreichenden Schlaf in der Nacht, trinken Sie ausreichend, Lüften Sie regelmäßig, machen Sie bewusst kurze Pausen indem Sie kurz die Augen schließen oder kurz entspannt aus dem Fenster blicken. Dies gilt aber auch ebenso für das Lesen eines Buches oder für Schüler bei deren Schularbeiten und ist nicht auf die Bildschirmarbeit beschränkt.

 

Der Vollständigkeit halber sei auch auf eine Benetzungsstörung durch mangelhafte Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit hingewiesen. Die Herstellung der Tränen wird, wie alles in unserem Körper, hormonell gesteuert. Einer der wichtigsten Hormonhersteller ist unsere Schilddrüse. So kann z.B. eine Schilddrüsenunterfunktion zu funktionseingeschränkter Tränenflüssigkeit führen. Dann würde das Auge kompensatorisch mehr tränen, ohne dass die Beschwerden einer Benetzungsstörung beseitigt würden. Die lokale Lösung ist dann, neben ausreichend Schlaf, Flüssigkeit und Sauerstoff, die Einnahme von Tränenersatzmittel, welche die fehlenden Substanzen im Tränenfilm auffüllen. Ansonsten ist ggf. eine entsprechende Untersuchung beim Hausarzt anzuraten.

 

Zu guter Letzt noch der gefühlt meistgesprochene Satz in unserer Praxis: Finger weg von den Augen! Es existiert keine Erkrankung oder Symptom am Auge, das durch Reiben geheilt werden könnte oder auch nur dauerhaft gelindert würde. Im Gegenteil. Durch mechanische Manipulation wird es wirklich immer schlechter. Dazu gehört auch das Taschentuch! Wie der Volksmund sagt: „die elf Feinde des Auges sind zehn Finger und ein Taschentuch.“

BLOG BESCHREIBUNG

Ein Grundverständnis für die häufigsten Augenerkrankungen soll durch das Stöbern in diesem Blog gewonnen werden. Aber auch unterschiedliche Phänomene einem unserer wichtigsten Sinne sollen hier verständlich gemacht werden. Weiter unten auf dieser Seite haben Sie auch die Möglichkeit, verschiedenste Verständnisfragen das Sehen und das Auge betreffend anonym zu stellen oder ein Kommentar zu hinterlassen. Ob wir die Fragen dann beantworten oder zu den Themen von besonderem Interesse einen neuen Blogbeitrag erstellen, bleibt zunächst offen. Individuelle Fallbesprechungen bleiben natürlich weiterhin ausschließlich der Sprechstunde in unserer Praxis vorbehalten. Bitte auch nicht für Terminangelegenheiten oder Ähnliches missbrauchen! Wird ignoriert werden!

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